Hati hati – ein persönlicher Abschied von Sumba

Aurelia Schmidt ist die Tochter unseres Konrektors Rudolf Schmidt. Nach einem Besuch der indonesischen Insel Sumba mit der Familie einige Jahre zuvor entschied sie sich, im Anschluss an ihr Abitur mit einem Volunteer-Programm des Redemptoristen-Ordens ein freiweillige soziales Jahr dort zu verbringen. Auf Sumba unterstützt die St.-Ursula-Realschule schon seit Jahren den Bau und Erhalt einer Schule und von Mädchen-Wohnheimen. Genau dort erlebte Aurelia eine großartige Zeit – bis die Corona-Pandemie kam. Hier schildert sie ihren vorzeitigen, persönlichen Abschied von Sumba.

“Kennt ihr dieses Gefühl, wenn die eigene Welt von dem einen auf den anderen Moment zusammenbricht? Ein absolut schreckliches Gefühl. Erst diese Leere, das Nicht-Begreifen-können, dann kommt die Traurigkeit und irgendwann dann die stumme Akzeptanz des Geschehenen.

Derzeit bin ich auf Bali gestrandet (Stand: 27.03.2020). Bestimmt gibt es schlimmere Orte, an denen man festsitzen könnte und doch würde ich mir nichts sehnlicher wünschen, als wieder zurück nach Sumba zu können. Nach dem Abitur habe ich im September 2019 mein Jahr als Missionarin auf Zeit mit Redemptorist Volunteer Programm (RVM) in Sumba, einer Insel in Indonesien, begonnen.

Damit ging mein großer Traum endlich in Erfüllung. Ich habe mit 50 Mädchen in einem Asrama, einem Wohnheim, gelebt, mich dort um sie gekümmert und morgens in der Highschool Englisch unterrichtet. In den 6 ½ Monaten auf meiner persönlichen Trauminsel habe ich so einiges erlebt. Ich habe die indonesische Sprache gelernt, Freundschaften geschlossen, mich selbst in kürzester Zeit von der Schülerin zur Lehrerin entwickelt und so einiges mit den Mädchen gemacht. Ich habe ein neues Zuhause gefunden und lieben gelernt.

Vom Coronavirus haben wir nur sehr wenig mitbekommen. Auf Sumba gab es keine (zumindest keine bestätigten) Fälle und das alltägliche Leben ging ganz normal weiter. Bis wir am 18.03. die Nachricht erhielten: ‘Packt eure Koffer, in spätestens 48 Stunden sitzt ihr im Flieger’.

Zu meiner Reaktion kann ich nur sagen: Völlige Leere, weil ich es nicht begreifen konnte. Dann irgendwann die große Traurigkeit und schlussendlich das stumme Akzeptieren, weil es natürlich wirklich sinnvoll ist, wieder zurück nach Deutschland zu kommen, wenn solch eine Pandemie die ganze Welt in Aufruhr versetzt.

Die nächsten Tage waren sehr schwierig. Ich habe kaum geschlafen oder gegessen, weil ich die Zeit, die ich noch hatte, so gut wie möglich nutzen wollte. Es gab zahlreiche Abschiedsfeiern, Tränen und die Frage: ‘Wieso musst du gehen? Hier ist der Virus doch gar nicht.’ Doch weil auch in Indonesien der Virus sich allmählich verbreitet, wurde die Schule geschlossen und die Mädchen aus meinem Asrama mussten nach Hause fahren.

Sich von allen verabschieden zu müssen, die für mich meine Familie vor Ort dargestellt haben, hat mir das Herz zerrissen und mich so einige Tränen und rote Augen gekostet. Immer im Hinterkopf zu haben, dass man eigentlich noch ein halbes Jahr vor Ort hätte und doch noch so viele Pläne umsetzen will, hat mir das Abschiednehmen nicht vereinfacht.

Nun sind wir auf Bali und warten auf den Rückflug nach Deutschland. Unsere Volunteering-Organisation RVM kümmert sich sehr gut und setzt alles daran, uns so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zu holen. Ich habe immer noch sehr gemischte Gefühle. Einerseits bin ich unendlich traurig, nicht mehr auf Sumba zu sein, viele meiner Freunde dort wohl nie wieder zu sehen und nicht zu wissen, wie der Virus sich dort verbreiten wird.

Andererseits weiß ich natürlich, dass die Entscheidung der Bundesregierung alle Volunteers zurückzuholen, vollkommen richtig ist und mir eine bessere gesundheitliche Versorgung garantiert. Trotz dieser momentan schwierigen Zeit für mich, versuche ich das Gute darin zu sehen. Ich hatte eine wunderbare Zeit auf Sumba, mit vielen tollen Erfahrungen und Bekanntschaften und kann aus der momentanen Krise gestärkt herausgehen. All diese schwierigen Situationen haben mich im Endeffekt gestärkt und auf das (nie wirklich einfache) Leben vorbereitet.

Ich hoffe, dass auch Ihr aus der momentanen Krisensituation gestärkt hervorgeht und gut auf Euch und Eure Gesundheit aufpasst! Oder wie man auf Indonesisch sagt: Hati-hati !

Eure Aurelia Schmidt”